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Biographie

Johanna Senfter

Vielseitige Komponistin und Meisterschülerin Max Regers

 

Am 27. November 1879 als jüngstes von sechs Kindern in die sehr wohlhabende und gesellschaftlich hoch etablierte Oppenheimer Familie Senfter hineingeboren, wuchs Johanna Senfter zunächst musikalisch von ihrer Mutter gefördert und unterrichtet auf. Mit 13 Jahren entkam sie der provinziellen Enge auf ein Frankfurter Mädchenpensionat und konnte schließlich von 1895 bis zum glanzvollen Abschluss 1903 an Dr. Hoch´s Conservatorium in Frankfurt Violine, Klavier, Orgel und Contrapunkt, was Komposition einschloss, studieren. Bereits aus dieser Zeit liegen von persönlichem Stil geprägte Kompositionen vor. Geschult am strengen Satz und der Bachschen polyphonen Schreibweise, entstehen in dieser Studienzeit 3- bis 8-stimmige Studien und Kompositionen verschiedenster Gattungen. Danach wieder ins fürsorgliche Elternhaus zurückgekehrt, nimmt sie in ersten Privatstunden 1907 Kontakt zu Max Reger in Leipzig auf, der ihre überragende Begabung und große Erfindungskraft schnell erkennt und sie 1908 in seine Meisterklasse am Leipziger Königlichen Konservatorium aufnimmt. Als Senfters Vater sie alsbald wieder zurück in Oppenheim wünscht, setzt sich Reger mit einem enthusiastisch lobenden Empfehlungsschreiben für Johanna ein und erreicht, dass sie ihre kompositorische Anlage im Studium bei ihm zur Meisterschaft vervollkommnen kann. Im Abschlussjahr 1910 erhält sie für die beste Komposition des Studienjahres, ihre Sonate in G-Dur für Violine und Pianoforte (damals verlegt bei Kahnt), den renommierten Arthur-Nikisch-Preis.
 

Die Familien Reger und Senfter sind von da an freundschaftlich verbunden, so dass Reger bis zu seinem allzu frühen Tod weiterhin auf die kompositorische Entwicklung Johanna Senfters anregend wirken konnte. Regers Frau Elsa und Johanna blieben gleichfalls freundschaftlich lebenslang verbunden, wodurch Senfter 1947 Gründungsmitglied des in Bonn gegründeten Reger-Instituts wurde. Musizierend trat Senfter immer wieder als Violinistin und Pianistin bei zahlreichen meist exklusiven Privatkonzerten auf, auch als Organistin in der Katharinenkirche. 1921 gründete sie mit kulturinteressierten Oppenheimer Bürgern einen Musikverein, 1923 den Bach-Verein, einen Chor, der bis 1932 unter ihrer Leitung unter anderem 14 Bach-Kantaten zur Aufführung brachte.
 

Ihr umfangreiches Werk zählt 134 Open, dazu 27 Werke ohne Opus-Zahl, darunter 9 Sinfonien, fast alle denkbaren Formen und Besetzungen mit Ausnahme der Oper. Besondere Wertschätzung erfährt die reiche Kammermusik, die in England fester Repertoirebestandteil ist. Die Klaviermusik durchzieht ihre gesamte Schaffenszeit. Sie bildet die stilistische Entwicklung und Bandbreite von den klassisch- romantischen Wurzeln, die noch Schumann und Brahms anklingen lassen, bis zu späten, die Grenzen der Tonalität berührenden individuellen Schöpfungen ab. Zahlreiche Orgelkompositionen, davon 24 choralgebunden, entstanden in den Jahren 1918 bis 1938, wiederholt vom Wiesbadener Marktkirchenorganisten Kurt Utz uraufgeführt. Die Walcker-Orgel von 1863, große Schwester der Oppenheimer Walcker-Orgel von 1871, war auch das ideale Klangmedium für Senfters hochexpressive Schreibweise. Senfters Werke sind zu einem kleinen Teil beim Schott-Verlag erschienen, das meiste liegt, noch unveröffentlicht, in der Manuskriptsammlung der Kölner Musikhochschule vor.

 

Johanna Senfter stirbt am 11. August 1961 in großer Zurückgezogenheit. Ihr hochsensibles und für die Umwelt schwer zugängliches Wesen, gepaart mit einem Übermaß an Bescheidenheit im Auftritt, erschwerten die Verbreitung ihres höchst bemerkenswerten kompositorischen Schaffens, das einer Frau in der damaligen Zeit nur widerwillig zuerkannt wurde.

 

Ralf Bibiella